Presse

„Der Mann hat jede Menge Töne“ von Ruth Schneeberger
17.09.2004
Süddeutsche Zeitung
Süddeutsche Zeitung Nr. 216 vom 17. September 2004

Wenn Max Bauer sich Nägel unter die Sohlen haut, damit sie sich anhören wie Damenstöckelschuhe, tut er das nicht, weil ihn das anmacht. Sondern weil es sein Job ist. Der 39-jährige Münchner ist nicht im falschen Körper geboren, sondern nur ein bischen mehr Ohr als andere. Der Mann ist Geräuschemacher, offizieller Krawallmacher für Theater und TV. Er ist ein professioneller Betrüger unseres Gehörs.

Es ist ja nicht so, dass die Geräusche einfach vom Band kommen, wie sie während des Drehs aufgenommen wurden. Genau wie der Strom nicht einfach so aus der Steckdose kommt. Das ist naiver Zuschauerglaube. Max Bauer kann ein Lied davon singen, wie viel Arbeit allein hinter dem Ton eines Filmes steckt.

Es kommt zum Beispiel vor, dass die Dramaturgie bestimmte Geräusche besonders hervorheben möchte. Die müssen dann extrem laut und gewaltig dargestellt werden. So mancher Ton geht auch während der Dreharbeiten verloren. Oder es fährt gerade im Hintergrund ein Zug vorbei, während der Hauptdarsteller im Vordergrund zitternd einen Liebesbrief aufrei ßt. Warum auch immer, die meisten Klänge werden nicht nur von einem Geräuschemacher wie Max Bauer. nachgespielt, sondern auch von der digitalen Bearbeitung neu gesampelt. Erst danach wird entschieden, was sich bessser anhört und es in den Film schafft: der mechanische oder der digitale Zweitton.

Bauer arbeitet also gegen den Computer an. Mit verblüffend simplen Mitteln. Wie stellt man zum Beispiel Schritte im Schnee dar, wenn man keinen Schnee zur Verfügung hat? Saucenbinder ist eines seiner Geheimrezepte. Damit lassen sich prima Schneeschritte herknirschen. Alte Damenhandtaschen, klirrende Ketten, scheppernde Blechbüchsen und Kleiderbürsten sind seine Welt. Weil sich aus diesen Utensilien die schönsten Töne zaubern lassen. Man muss nur wissen wie.

Dass er irgendwie gro ße Töne machen wollte, war ihm schon früh klar. Als Schlagzeuger spielte er sich durch diverse Bands, fing eine Tontechnikerausbildung an. Doch das war alles nicht das Wahre. Das Wahre war, in den Meloton Studios München bei Mel Kutbay in die Lehre zu gehen. Von 1993 bis 1996 assistierte er dem Mann, der als führender Geräuschemacher der Branche gilt. Schaute ihm über die Schulter, räumte das Studio auf, übte Zwischentöne bis er endlich sein eigenes Projekt bekam: die erste Staffel der Serie “Der Bergdoktor”. “Da habe ich laufen gelernt”, erinnert sich Bauer. Was in diesem Fall wörtlich zu nehmen ist. Das Nachahmen von Schritten nämlich gehört, man mag es kaum glauben, zu den schwierigsten Aufgaben eines Geräuschemacherts überhaupt. Hier gilt es, exakt synchron zu sein. Da kam ihm seine Schlagzeugerausbildung zu Hilfe. Taktgefühl war gefragt.

Inzwischen hat Bauer so viele Filme vertont, dass er sich im Kino kaum noch etwas anschauen kann, ohne es auf die Geräuschkulisse zu überprüfen, “Bang Boom Bang”, “Pünktchen und Anton” “Tatort” oder “Kommisar Rex” – die Aufträge sind so verschieden wie die nötigen Utensilien. Zwei Oscar-Filme waren schon dabei. Und selbst die Arbeit für “Ballermann 6” hat ihm gefallen: “Da gab es so viele platzende Luftmatratzen, explodierende Boote und umstürzende Sangria-Eimer – es macht einfach Spa ß, so viel Schmarrn zu vertonen.”

Erwachsen ist der Beruf aus dem Theater. Dort wurden zuerst Geräuschemacher benötigt. Auch hier ist Bauer aktiv, hat etwa bei dem Stück “Zwischen Gut und Böse” in der Schauburg München live mitgewirkt.

Von seiner Sorte gibt es nur sehr wenige, in Deutschland eine Hand voll. Dementsprechend viel hat er zu tun. Eine Fünf-bis-Sieben-Tage-Woche, ständiger Zeitdruck (ein 90-Minüter muss in drei Tagen abgehandelt werden), Stress und das Bedienen von Klischees sind die Nachteile dieses Jobs. Die Vorteile lliegen auf der Hand: Max Bauer hat einen Beruf, wie ihn sich Kindser wünschen – er darf den lieben langen Tag Krach machen und sehr viele Filme anschauen.