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Ich mach das fette Gebrüll im Film
04.02.2008
tageszeitung (taz)
"Meeresrauschen? Kein Problem". Max Bauer greift zielsicher ins Regal, holt ein Kissen und zwei alte Bürsten heraus. Rhythmisches Schrubben auf dem Polyesterbezug, und Bauers Studio in Prenzlauer Berg liegt plötzlich an der Küste.

Interview von NINA APIN

MAX BAUER wurde 1964 in München geboren. Er lebt und arbeitet in Berlin, wo auch seine Freundin und sein vierjähriger Sohn leben, und in Ebersberg bei München.

In der Hauptstadt sieht man ihn oft auf Bühne mit seinen experimentellen Kompositionen und Geräuschperformances. An seinem Zweitwohnsitz kennt man ihn vor allem als präzisen Geräuschemacher in der Filmpostproduktion.

Seine Lust am Klappern und Soundtüfteln lebte er erst als Percussionist bei diversen Bands, dann als Tontechniker aus. Das Handwerk des Geräuschemachers erlernte Bauer in München bei Mel Kutbay, der schon "Das Boot" vertont hatte. Dort durfte er die Tonspur eines Fassbinder-Films restaurieren und für die "Unendliche Geschichte" Steinbeißer grunzen lassen.

In der Postproduktion ist der Geräuschemacher einer von vielen, die zusammen die Tonspur eines bereits fertigen Films herstellen: Sounddesigner, die am Rechner Klanggefüge komponieren, Tontechniker und Geräuschemacher.

Auf der Berlinale ist Bauers Film-Kunst in "Revanche" von Götz Spielmann zu hören. Der Film läuft unter anderem am 10. Februar um 11 Uhr im CineStar3 und um 19 Uhr im Zoopalast.

taz: Herr Bauer, "Geräuschemacher" klingt antiquiert. Sind Sie eine aussterbende Gattung im modernen Filmbusiness?

Max Bauer: Sie können mich auch "foley artist" oder "bruiteur" nennen, wenn Ihnen das lieber ist. Von Aussterben kann aber keine Rede sein: Jeder Film, der auf der Berlinale im Wettbewerb läuft, entstand mit Geräuschemachern. Trotz Sounddesign und Originalton wird beim Nachvertonen noch viel von Hand hergestellt, weil es schneller geht und individueller klingt.

Warum muss man überhaupt nachvertonen - der Film hat doch schon einen Ton?

Am Set wird der Ton so aufgenommen, dass er die Sprachverständlichkeit nicht stört, Nebengeräusche werden eliminiert, Schuhe abgeklebt, Gegenstände mit Filz präpariert. Bei der Nachvertonung mischt man die Geräusche wieder dazu. Auch wenn ein Film in eine andere Sprache synchronisiert wird, muss nachvertont werden, um die entstandenen Löcher in der Tonspur zu kaschieren.

Und da kommen Sie ins Spiel?

Bei der Postproduktion holt sich der Sounddesigner neben anderen Experten Geräuschemacher ins Studio. Wir erzeugen bildsynchron Geräusche, die den Film begleiten, wie Schritte, Schlägereien, das Abstellen eines Glases. Es wäre viel schwieriger und teurer, das am Schneidetisch mit Archivmaterial nachzustellen.

Was bringen Sie mit ins Studio: Benutzen Geräuschemacher Spezialinstrumente?

Ich habe mehrere große Geräuschemacherkoffer voller Müll: Knistertüten, Feuerzeuge, Minitüren, an die ich verschiedene Griffe anschrauben kann, Papprohre, Bürsten, Sägen Ich muss nur vorher das Genre des Films kennen, damit ich weiß, wie ich packen muss.

Was nehmen Sie beispielsweise für einen Monsterfilm mit: die Säge?

Nein, dieses Papprohr hier, ein sogenanntes Godzilla-Rohr. Damit hat man schon in den Monsterfilmen der 50er-Jahre Urtiere und andere Ungeheuer vertont.

Ich sehe nur eine normale Küchenrolle.

Passen Sie auf. Je näher man an ein Mikro rangeht, desto tiefer und dumpfer werden die Töne. Diesen Effekt nutze ich aus.

(trötet und grunzt durch die Rolle ins Mikrofon)

Infernalisch!

Ja, das sorgt immer für Erstaunen bei den Leuten: dass so ein kleiner Mensch wie ich so ein fettes Gebrüll hervorbringen kann.

Explosionen und andere Special Effects können Sie mit Ihrem Röhrchen aber nicht machen?

Nein, der Geschmack hat sich geändert. Früher reichte ein Donnerblech, um ein Unwetter zu simulieren. Heute muss es bigger than life klingen, das kann nur der Synthesizer. Doch sogar in den Neunzigern, auf dem Höhepunkt der Special-Effect-Euphorie, wurden die Metallschritte von Terminator erst vom Geräuschemacher hergestellt und dann im Rechner weiterverarbeitet.

Die hätte man nicht einfach komponieren können?

Ein Beispiel: Im Bild fällt eine kleine Metallstange runter und macht "bing-bing-bing". Da fummelt der Sounddesigner nicht so lange, bis es nach "kleiner Eisenstange, die auf Holz fällt", klingt. Man holt mich, ich werfe das Eisenrohr hin, dass es richtig "bing" macht. Das kann ich. Das Bing wird aufgenommen und als Teil des gesamten am Rechner komponierten Sounddesigns eingebettet - und alle sind glücklich.

Sie sind also eine Art Zauberer

eher ein Handwerker: Ich werde gerufen, komme mit meinen Koffern und mache schnell und präzise meinen Job. Andere arbeiten jahrelang an einem Film, ich bin nur drei bis fünf Tage dabei. Dass dem Beruf so etwas Schrulliges anhaftet, liegt daran, dass wir komische Arbeitsgeräte haben. Und so wenige sind.

Wie viele Geräuschemacher gibt es?

Vielleicht 25 im deutschsprachigen Raum, man kennt sich untereinander. Eine richtige Ausbildung existiert nicht. Ich hatte das Glück, drei Jahre bei Mel Kutbay lernen zu dürfen, der auch "Das Boot" vertont hat. Das war aufregend, ich durfte bei großen Produktionen assistieren: die Restauration des Fassbinder-Films "Martha". Oder die "Unendliche Geschichte", Teil drei. An der Kasse ein Flop, aber der Ton war ein Traum: lebende Bäume, Steinbeißer, Schlägertruppen! Ich hatte viel Spaß.

Sind Sie ein Spaßvogel, ein großes Kind?

Vielleicht. Früher war ich Schlagzeuger und spielte gern mit Kreissägeblättern, weil ich den Sound besser fand. Weil Schlagzeuger brotlos war, lernte ich Tontechniker. Ein Mitschüler, der Techniker bei Mel Kutbay war, brachte uns zusammen und mich zu meinem Traumberuf.

Als Vater sind Sie bestimmt der Star jedes Kindergeburtstags?

So ist das gar nicht. Mein vierjähriger Sohn ist oft sauer auf mich, weil ich ihm seine Sachen entwende. Er findet es komisch, dass ich mit Spielzeug arbeite. Aber mit einem aufgeblasenen Luftballon und einem Würfel mache ich einen B52-Bomber oder eine Trickfilmhummel. Je nach Geschwindigkeit.

Vertonen Sie lieber Kinder- oder Kriegsfilme?

Egal - solange ich Zeit für Experimente habe. Leider ist die Zeit meist knapp, sogar Großproduktionen haben nur drei bis fünf Tage zur Vertonung. Viele Regisseure interessieren sich nur am Rand für den Ton, dabei ist Film ein audiovisuelles Ereignis! Gerade im deutschen Film ist man zufrieden, wenn in einer lustigen Szene ein Bäng auf ein Boing folgt. In Frankreich wird mehr Wert auf Details gelegt.

Wie ist es in Hollywood?

In amerikanischen Großproduktionen wie "Herr der Ringe" ist es üblich, sechs bis acht Geräuschemacher zu engagieren. Der Beruf des foley artist ist dort wahnsinnig spezialisiert. Einer macht nur Schritte, einer nur Special Effects oder Pferdehufe. Klänge wie "Orkgrunzen" oder "Schwerter in Orkbäuche" muss man sich extra ausdenken.

Kennen Sie den Trick für "Schwerter in Orkbäuche?"

Ich war bei der Produktion nicht dabei, aber das Schmatzen einer Wunde geht gut mit Kartoffelbrei oder nassen Lappen. Jedenfalls waren beim "Herrn der Ringe" keine billigen Archivgeräusche zu hören. Das hätte die Geräuschemacherehre verboten, außerdem war der Regisseur vom Splatter-Fach und hätte Standardgeräusche wiedererkannt.

Würden Sie das Schleimgeräusch aus den Alien-Filmen wiedererkennen?

Klar. Ich möchte nicht bei "Wetten dass ?" damit stehen, aber es gibt Archivklassiker, die erkenne ich wieder. Zum Beispiel dieser Adlerschrei, der in jedem dritten amerikanischen Hollywoodfilm vorkommt. Da muss ich immer lachen. Wer dafür die Tantiemen kriegt, ist ein reicher Mensch.

Haben Sie auch so einen Geräusch-Bestseller produziert?

Nein, ich stelle ja nur singuläre Toneffekte für ein ganz bestimmtes Bild her. Tantiemen würde ich nur für eine künstlerische Komposition kriegen. Wenn mein Auftrag erledigt ist, werde ich bezahlt, und die Rechte gehen auf den Kunden über.

Frustriert Sie das, trotz Ihrer Kreativität wie ein Handwerker gesehen zu werden?

Sagen wir mal so: Geräuschemacher ist ein Traumberuf, in dem man die verrücktesten Dinge ausprobieren kann. Nur verlangt der gewöhnliche Film genau das Gegenteil: Man wird ins Studio bestellt, um Akkordarbeit zu leisten. Die Sounddesigner sitzen daneben, beurteilen deine Arbeit und treffen die künstlerischen Entscheidungen. Ich habe viele Kollegen, die frustriert davon sind, immer nur der bestellte Geräuschklapperer zu sein.

Sie sind seit 15 Jahren im Geschäft. Wie bewahren Sie sich den Spaß am Klappern?

Ich hatte meine erste große Krise schon nach fünf Jahren. Finanziell lief es, aber ich hatte nur zwei, drei Produktionen im Jahr, bei denen ich kreativ sein konnte. Das hielt ich nicht aus - ich bin ein Freak und durfte es nicht sein.Wenn ich damals nichts unternommen hätte, würd ich jetzt eine fette Midlife-Krisis schieben.

Was haben Sie unternommen?

Ich zog von Bayern nach Berlin und arbeitete mit Tänzern, Performern und Schauspielern aus der freien Szene. Ich vertonte zu Hause Super-8-Filme von Independentfilmern, die nie irgendwo liefen. Nur so zum Spaß. Irgendwann stellte ich mich mit eigenen Performances auf die Bühne. Heute lebe ich zu gleichen Teilen vom Filmgeschäft und der Kunst, zwischen München und Berlin. Diese Balance ist sehr angenehm.

Was können Sie auf der Bühne ausleben, was Ihnen beim Film fehlt?

Mein Ego! Beim Film muss ich klingen, wie es der Zuschauer von den Dingen erwartet. Bei meinen Performances spiele ich mit Assoziationen und lege offen, wie Geräuschemacher arbeiten: Betrug mit echten Gegenständen. Ich streiche mit einer Säge an einer Glocke entlang: Das Telefon klingelt!

Damit verraten Sie ja die Tricks Ihrer Zunft. Sind die nicht streng geheim?

Ich will nur zum fantasievollen Gebrauch alltäglicher Gegenstände anregen. Der Trick mit der Glocke und der Säge ist unter Geräuschemachern uralt. Die wirklich wichtigen Tricks verrate ich natürlich niemandem.

Was ist Ihre Spezialität?

Verrate ich auch nicht. Aber ich kann Ihnen mein Lieblingsgeräusch vorführen.

Gern.

(Streicht mit zwei Bürsten über eine Kissenhülle, pfeift dazu).

Meeresrauschen mit Möwen. Aber dieses Brummen, gehört das auch dazu?

Nein, das ist mein Telefon. Vor der Berlinale ist in der Postproduktion der Teufel los. Viele wissen noch nicht genau, ob sie eingeladen werden, wollen den Film aber zur Berlinale fertighaben. Andere werden von der Einladung überrascht und geraten in Panik. Geräuschemacher werden plötzlich unheimlich wichtig. Das ist auch mal schön.

Schauen Sie sich Filme auf der Berlinale an?

Dieses Jahr bin ich verhindert. Aber sonst gehe ich gern ins Kino - nicht nur der Tonspur wegen, auch um einfach einen Film zu genießen. Nur dicke Hollywoodproduktionen meide ich, weil sie diesen immer gleichen, aufgeblasenen Sound haben. Das langweilt mich. Lieber schaue ich mir David Lynch an, der seinen filmischen Wahnsinn bis in die Tonspur zieht: Rauschen, Summen, minutenlange Stille. So viel Stille leistet sich heutzutage kaum noch jemand. Infernalisch!