Geschichte

Der Wunsch des Menschen Geräusche nachzuahmen ist alt. Bereits im Theater des antiken Griechenland wurde der Auftritt eines Gottes gerne mit einer Donnermaschine, dem sogenannten Bronteion, begleitet.

Im Rahmen des Abendprogramms im Variete Wintergarten in Berlin zeigten die Brüder Skladanowsky am 1. November 1895 mit Ihrem Bioskop die ersten öffentlichen Stummfilme in Europa. Am 28. Dezember 1895 fand im indischen Salon des Grand Café in Paris, Boulevard des Capucines No. 14, die erste Vorführung des Kinematographen von Louis Lumière statt.
Weniger als 1 Jahr danach steht in der Berliner Zeitschrift DER ARTIST folgende Kritik einer Filmpräsentation, die wohl auch der erste Nachweis eines Filmgeräuschemachers ist:

„Der Kinematograph, welchen Madame Olinka vorführt, ist ein vorzüglicher Apparat, welcher uns auf der weißen Bildfläche tanzende Kinder, marschierende Soldaten, ankommende Eisenbahnzüge (...) und viele andere Vorgänge so anschaulich in ihren Bewegungen vorführt, dass sie uns greifbar körperlich erscheinen, um so mehr als Mr. Hubertus, der Gatte von Madame Olinka, der hervorragende Imitateur von Thierstimmen, die einzelnen Bilder unsichtbar durch Geräusche und Töne zu beleben weiss.“ (DER ARTIST 20.09.1896)

Eigentlich war Herr Hubertus Jagdgehilfe, was auch erklärt, warum er Tierstimmen nachahmen konnte. Die Besucher dieser Veranstaltung hatten Glück, denn offensichtlich verstand Herr Hubertus sein Metier. Gelegentlich wurden die Geräuscheffekte vom Klavierspieler mitbedient, der oft alleine und improvisierend den Film begleitete, und manchmal auch das Publikum mehr störte als die Stimmung zu unterstützen:

„... Solche Gelegenheit, Glockenschläge, Signale, Krachen, Dröhnen oder Schüsse im Musikalischen anklingen zu lassen, gibt es an jedem Abend und in jedem Film ein paar Mal. Das „Wie“ mag man getrost dem Musiker überlassen. Es gilt auch hier Goethe´s Wort, das zwar auf die Dichter gezielt, doch auf alle Künstler passt, die dem breiten Publikum dienen

„Was hilft es viel, von Stimmung reden?
Dem Zaudernden erscheint sie nie;
Seht ihr euch einmal für Poeten,
so kommandiert die Poesie.“


Aber vor einem möchte ich bei der Anwendung dieser an sich unmusikalischen, ja manchmal kakophonischen Geräusche warnen – vor der Uebertreitung. Ich erinnere mich, dass in der Zeit, als die Detektivfilme neu waren, jeder Kino-Klavierspieler seine Autohupe neben sich liegen hatte. Und sobald ein Auto zu sehen war, was reichlich oft vorkam, dröhnte das Tut-Tut durch den Raum. Das war des Guten zuviel, klang barbarisch und zerriss die Stimmung vollständig … . (FILMKURIER 1.05.1920)

Am Anfang des 20. Jahrhunderts fanden die Filmvorführungen häufig auf Jahrmärkten oder in Varietés statt. In Amerika standen neben Musikern und Kinoerklärern immer wieder sogenannte „effect boys“ auf der Bühne, die mit kleinen, handgemachten Toneffekten die Filme untermalten. Sie benutzten Autohupen, wenn ein Auto durchs Bild fuhr, Kokosnüsse, um Pferdehufe zu vertonen oder Schachteln gefüllt mit Erbsen zum imitieren von Regen oder Meeresrauschen. Es gab keine Ausbildung zum effect boy und oftmals war das einzige Anstellungskriterium der Gagenwunsch des Nachwuchsgeräuschemachers. Die Veranstalter wollten für wenig Geld viele Effekte, um möglichst viele Leute in ihre Shows zu locken. Die Qualität der Geräusche ließ oft so sehr zu wünschen übrig, dass der amerikanische Kritiker Louis Reeves Harrison 1911 den Begriff „Percy Peashaker“ erfand, um unsensible und unkreative Geräuschemacher zu bezeichnen.
Häufig wurden die Soundeffekte von Geräuschmaschinen hergestellt, die zu jener Zeit erfunden wurden. Eine der bekanntesten war die von A. H. Moorhouse entwickelte Allefex Maschine, die um die 50 verschiedene Geräuscheffekte herstellen konnte. 1913 entwickelte der Futurist Luigi Russolo analoge Geräuschmaschinen, um auch in der Musik Geräuscheffekte einzubauen. Selbstverständlich gab es auch in den großen Filmorchestern Geräuschmaschinen und allerhand Effektinstrumente, um die Live-Filmmusik zu bereichern. Dazu ein Interview von Jeanpaul Goergen mit Gerassimos Avgerinos, der von 1939 bis 1970 Solopauker des Berliner Philharmonischen Orchesters war.

„Ich war von 1924 bis 1928 als Kinomusiker in Berlin beschäftigt, zuerst als Geiger, dann als Schlagzeuger. An mein letztes Engagement erinnere ich mich noch besonders gut: es war eine Aufführung des Berlin-Films mit der Musik von Edmund Meisel im Ufa-Tauentzien Palast.
Unser Orchester war etwa 40 Mann stark – darunter drei Schlagzeuger: einer an der Pauke, ein anderer an der Trommel und ich an den sogenannten Effektinstrumenten. Beim Berlin-Film musste ich z. B. eine große Sauerstoffflasche – es kann aber auch Kohlensäure gewesen sein – bedienen. Jedes Mal, wenn im Film Lokomotiven zu sehen waren, die zischend Dampf abließen, musste ich das Ventil öffnen und schließen. (…)
Der Schlagzeuger war für die Illustration der Filme zuständig. Unsere Kunst bestand darin, die richtigen Effekte zur richtigen Zeit zu produzieren. Wir nannten uns Geräuschemacher oder Illustrator – wie in dem alten Schlager: „Mein Bruder macht beim Tonfilm die Geräusche....“
Babygeschrei, Hundegebell, Schüsse, alle Arten von Hupen und Klingeln, Sturm und Wind, Donner und Wellenschlag: alles wurde illustriert und nachgemacht.
Klirrende Fensterscheiben, bei einem Einbruch etwa, imitierte ich mit kleinen Stahlplättchen, die ich fallen ließ. Wenn ein Baby “Mama! Mama!“ rufen sollte, setzte ich eine Spezialpfeife ein, mit der man auch zur Not einen kleinen Hund bellen lassen konnte. Mit einer aus drei etwa armdicken Rohren gebauten Miniorgel konnte ich das Tuten der großen Ozeandampfer täuschend nachmachen. Dann hatte ich noch eine Lokomotiv-Zischpfeife, ein Donnerblech, diverse Hörner, Schellen, eine Tischglocke, eine Pistole usw. Frösche und Eulen imitierte ich, indem ich in meine gefalteten Hände blies. Schüsse, reitende Armeen und sturmgepeitschte See wurden auf dem Schlagzeug illustriert (…)

Am 1. Oktober 1928 bekam ich ein Engagement als 1. Pauker an das Landestheater Neu-Strelitz. Einige Monate später kam der Tonfilm auf, und Tausende von Kinomusiker wurden arbeitslos.“
(Gerassimos Avgerinos in einem Interview mit Jeanpaul Goergen)

Das Ende der Kinomusiker war gleichzeitig der Anfang der Tonpostproduktion im Film. Immer bessere Mikrofone und Aufnahmeverfahren erlaubten es den Ton aufwendiger zu gestalten. In Amerika ist der erste Einsatz eines Geräuschemachers beim Tonfilm genau dokumentiert.
1927 feierten die Warner Brothers mit dem Film THE JAZZ SINGER den ersten großen Tonfilmerfolg in Amerika. Innerhalb kurzer Zeit wurde der Tonfilm immer erfolgreicher.
Deshalb wollten die Universal Studios 1929 den bereits stumm gedrehten Film SHOW BOAT nachvertonen. Dabei sollten nicht nur Musik und Sprache sondern auch Geräusche synchronisiert werden. Dies war die Stunde des Autors, Regisseurs und Schauspielers Jack Donovan Foley, der sich daran machte den Film mit Geräuschen zu vertonen. Die Arbeit war so erfolgreich, dass noch während der Fertigstellung von Show Boat die nächsten Filme ins Studio kamen, um von Jack Foley nachsynchronisiert zu werden.
Noch heute ist die Berufsbezeichnung für Geräuschemacher auf englisch FOLEY ARTIST, zu Ehren von Jack Donovan Foley.

Dieser Text ist erst der Anfang meiner Recherchen zur Geschichte des Geräuschemachens – die im Gegensatz zu vielen anderen filmhistorischen Aspekten bislang nicht weitergehend erforscht wurde. Ich freue mich, wenn Sie mir neues oder unbekanntes Wissen über das Thema mitteilen – Sie erreichen mich per Mail über info [at] maxbauer.net.

Ein großes Dankeschön an das Bundesfilmarchiv Berlin für die hervorragende Unterstützung meiner Recherchen!